Unter dem Titel „Herz Jesu. Spiritualität aus und an der Seite Christi“ hat Dag Heinrichowski SJ, Beiratsmitglied von Geist & Leben, einen Ignatianischen Impuls zu einer facettenreichen Spiritualität von Herz zu Herz geschrieben. Im Gespräch mit Sinn & Gesellschaft gibt er einen Einblicke.
Herz-Jesu-Spiritualität: Was verbirgt sich dahinter?
Ganz einfach gesagt: Die Herz-Jesu-Spiritualität sagt in einem Satz: Gott ist uns Menschen mit seinem ganzen Herzen zugewandt. Papst Franziskus hat seiner Herz-Jesu-Enzyklika den Titel „Er hat uns geliebt“ gegeben und trifft damit den Nagel auf den Kopf: Die Herz-Jesu-Spiritualität ist eine Spiritualität, die diese Liebe und Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt stellt.
Natürlich verbirgt sich hinter dieser Spiritualität eine facettenreiche Geschichte: Zu unterschiedlichen Zeiten haben Menschen dieses Geheimnis der Liebe Gottes, das mit dem Herzen Jesu verbunden ist, in ihrer Sprache und ihrer Frömmigkeitsform ausgedrückt. Formen, die vielen Menschen heute eher fremd sind. Deshalb glaube ich, dass der Herz-Jesu-Frömmigkeit bis heute ein paar kitschige Vorstellungen und manche Vorurteile anhaften.

„Spiritualität aus und an der Seite Christi“ – so lautet der Untertitel Ihres Buches. Was können wir heute von der Herz-Jesu-Spiritualität lernen?
Biblischer Anknüpfungspunkt ist vor allem die Passionsgeschichte im Johannes-Evangelium: Der Soldat durchbohrt die Seite Jesu und es fließen Wasser und Blut, Taufe und Eucharistie, heraus. Aus dieser Verbindung stammt die Idee für den Untertitel.
Und ich glaube, darin liegt etwas, was für heute bedeutsam ist: Die Herz-Jesu-Spiritualität nimmt Wunden und Verletzungen wahr, aber sie bleibt nicht dabei stehen. Sie richtet den Blick auch auf das Heil, die Veränderung und das Neue, was aus diesen Wunden durch Gott entstehen kann.
Wie haben Sie selbst die Form der Spiritualität entdeckt?
Ganz genau weiß ich das nicht. Ich war lange Zeit als Pfadfinder aktiv. Unser Stamm, also die Ortsgruppe, trug den Namen „Charles de Foucauld“. Seine Geschichte hat mich schon als Jugendlicher fasziniert und sein Bild ist mir vertraut. Auf seiner Kleidung trägt er ein Herz-Jesu-Symbol. Dieses Symbol habe ich dann immer wieder in Kirchen entdeckt und die Faszination hat mich nicht losgelassen.
Im Noviziat der Jesuiten habe ich dann auch die Verbindung zwischen der Herz-Jesu-Spiritualität und der ignatianischen Spiritualität entdeckt. Es gibt eine Betrachtung bei Ignatius, in der Jesus als König, der mich ruft, betrachtet wird. Jesu als König meines Herzens, das ist ein Motiv, das mir wichtig geworden ist.
Außerdem hatte ich den Heiligen Claude La Colombière SJ, den Apostel des Herzens Jesu entdeckt und irgendwie war er mir schnell sympathisch. In der Zeit bin ich mit zwei anderen Novizen auch nach Paris, zum Montmartre mit der Basilika Sacré-Cœur gepilgert. Auch dort habe ich dieses Motiv wieder entdeckt. Während meines Theologiestudiums in Paris bin ich dann in vielen Kirchen Herz-Jesu-Darstellungen begegnet. Das Motiv hat mich also irgendwie immer wieder entdeckt.
Und wie kam es dazu, dass aus dieser Entdeckung ein Ignatianischer Impuls wurde?
Seit vier Jahren bin ich für das Weltweite Gebetsnetzwerk des Papstes in Deutschland verantwortlich. Dessen Spiritualität ist eng mit der Herz-Jesu-Spiritualität verbunden.
Bei einer europäischen Konferenz des Gebetsnetzwerks, die ich in Ludwigshafen ausrichten durfte, bin ich dem sogenannten Herzensweg begegnet – einer zeitgemäßen Adaption der Herz-Jesu-Spiritualität, die im internationalen Kontext des Gebetsnetzwerks entstanden ist. Die Begegnungen und Gespräche auf dieser Konferenz haben mich motiviert, den Herzensweg auch im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen.
Da wir Jesuiten historisch und spirituell eng mit der Herz-Jesu-Verehrung verbunden sind, lag es nahe, das Thema weiter zu öffnen und daraus einen Ignatianischen Impuls zu entwickeln. Ein äußerer Anlass war zudem das 350. Jubiläum der Erscheinungen des Herzens Jesu in Paray-le-Monial, die zur Einführung des Herz-Jesu-Festes geführt und diese Spiritualität nachhaltig geprägt haben.
Kurz vor dem Abschluss dieses Jubiläums im Sommer 2025 konnte ich schließlich das Manuskript abschließen.
Wie macht die Herz-Jesu-Spiritualität einen Unterschied im eigenen Leben?
Das ist vermutlich ganz unterschiedlich, wie diese Spiritualität einen Unterschied macht. Was ich wichtig finde: Es geht um Jesus Christus. Das Herz Jesu steht für seine ganze Person. Und die Herz-Jesu-Spiritualität ist eine Spiritualität, in der es um Veränderung geht. Die klassische Bitte, die mit der Herz-Jesu-Verehrung verbunden ist, lautet: „Bilde mein Herz nach deinem Herzen!“
Es geht also darum, dass mein Herz immer mehr dem Herzen Jesu gleicht. Und dieses Herz Jesu, davon berichten die Evangelien, ist ein Herz, das sich berühren lässt von der Not und auch der Sehnsucht der Menschen. Es ist ein Herz, das Mitgefühl hat, und das liebt.
Der Unterschied im eigenen Leben könnte also sein, dass ich zu einem Menschen werde, der sich berühren lässt von seiner Umgebung. Eine Person, die Mitgefühl hat und aus diesem Mitgefühl ins Handeln kommt. Ein Herz, das nach dem Herzen Jesu gebildet ist, ist ein Herz, das mehr hofft, mehr glaubt und mehr liebt.
Wenn ich mich näher mit der Herz-Jesu-Spiritualität beschäftigen möchte: Was wäre Ihre Empfehlung?
In meinem Ignatianischen Impuls zeige ich unterschiedliche Zugänge zur Herz-Jesu-Spiritualität auf: Historisch, biblisch, ignatianisch oder zeitgenössisch. Eine erste Empfehlung könnte sein, eine Bibelstelle zu lesen, vielleicht auch zu betrachten, in der etwas von dieser Spiritualität Raum hat. Ich denke an die Stelle, wo Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“ (Matthäus 11,28–30), vielleicht gerade, wenn ich mich nach Ruhe sehne. Oder die Erzählung von Emmaus, in der die Begegnung mit Jesus träge Herzen zum Brennen bringt (Lukas 24,13–35).
Aber in der Herz-Jesu-Spiritualität nimmt auch die Eucharistie eine wichtige Stellung ein. Ein „praktischer“ Zugang wäre die eucharistische Anbetung, vielleicht einfach mit dieser Bitte: „Bilde mein Herz nach deinem Herzen!“
Als dritte Möglichkeit nenne ich dann doch nochmal das Buch. Der zweite Teil ist als Übungsweg gestaltet. Neun Schritte auf dem Herzensweg bieten einen Zugang, der neben dem Herzen Jesu auch das eigene Herz und die Welt in den Blick nimmt.